Warum die eigene Einschätzung schwerfällt

Nach einer Reha stellt sich oft dieselbe Frage: War die Belastung von heute zu viel, genau richtig oder noch zu wenig? Ein vages Gefühl wie „ich war müde" hilft dabei wenig, weil es sich von Tag zu Tag nicht gut vergleichen lässt. Eine anerkannte Methode, das genauer zu fassen, ist die Borg-Skala.

Was die Borg-Skala ist

Die Borg-Skala ist ein Instrument, um das eigene Belastungsempfinden während einer Aktivität einzuschätzen. Sie reicht von 6 (keine Belastung) bis 20 (größtmögliche Belastung). In Bewegungsprogrammen der Rehabilitation wird oft ein Wert zwischen 12 und 14 als angemessene Belastung für Ausdaueraktivitäten angegeben, was einem Gefühl von „etwas anstrengend" entspricht. Zwei Menschen können dabei ein unterschiedliches Tempo gehen und trotzdem dieselbe subjektive Belastung empfinden. Entwickelt wurde die Skala von dem schwedischen Physiologen Gunnar Borg. Sie wird seit Jahrzehnten in Reha-Sport, Physiotherapie und Kardiologie eingesetzt, um die Trainingsintensität zu steuern, ohne dafür technische Messgeräte zu benötigen. Die ungewöhnliche Spanne von 6 bis 20 ist dabei kein Zufall: Multipliziert man einen Borg-Wert mit 10, ergibt sich näherungsweise die passende Herzfrequenz eines gesunden Erwachsenen mittleren Alters bei dieser Belastung. So deckt sich das subjektive Empfinden grob mit einem objektiven Messwert. Neben dieser ursprünglichen Skala von 6 bis 20 gibt es eine vereinfachte Variante, die Borg-CR10-Skala, die von 0 bis 10 reicht und häufig zur Einschätzung von Atemnot oder Schmerz verwendet wird. Beide Varianten verfolgen denselben Grundgedanken, das eigene Belastungsempfinden in eine nachvollziehbare Zahl zu übersetzen, unterscheiden sich aber im Zahlenbereich und im bevorzugten Einsatzgebiet. Borg erweiterte sein Konzept außerdem um eine eigene Einschätzung der Atemnot, die sogenannten RPD-Werte. Diese Erweiterung kommt vor allem dort zum Einsatz, wo eher die Atemnot als die allgemeine Erschöpfung die spürbare Belastungsgrenze bestimmt, etwa in der Rehabilitation nach Erkrankungen der Atemwege oder des Herzens.

Wo die Borg-Skala an ihre Grenzen stößt

Die Borg-Skala bildet eine Einschätzung ab, kein Messergebnis. Der schwedische Sportphysiologe Per-Olof Åstrand wies darauf hin, dass zwischen der wahrgenommenen und der tatsächlichen Belastung kein direkter ursächlicher Zusammenhang besteht. Das subjektive Empfinden kann deshalb von Tag zu Tag schwanken, auch wenn die eigentliche Anstrengung gleich bleibt, etwa durch Schlafmangel, Stress, Hitze oder eine beginnende Erkältung. Ein einzelner, ungewöhnlich hoher oder niedriger Wert ist damit noch kein verlässliches Signal für eine veränderte Belastbarkeit.

Wie sich das im Alltag nutzen lässt

Nach einer Aktivität, zum Beispiel einem Spaziergang oder Treppensteigen, lässt sich kurz ein Wert zwischen 6 und 20 notieren, zusammen mit einer kurzen Beschreibung der Aktivität. Über mehrere Wochen entsteht so ein Bild davon, ob sich die Belastbarkeit verbessert, gleich bleibt oder eher abnimmt. Hilfreich ist es, neben dem Wert auch Dauer und Art der Aktivität sowie besondere Umstände festzuhalten, etwa Hitze, eine kurze Pause oder einen ungewohnt langen Weg. Solche Faktoren können den empfundenen Wert ebenso beeinflussen wie die tatsächliche Belastbarkeit.

Ein Beispiel: Nach einem zwanzigminütigen Spaziergang liegt der notierte Wert in den ersten Wochen nach der Reha häufig bei 13 bis 14, also „etwas anstrengend". Bleiben Strecke und Tempo über mehrere Wochen gleich und sinkt der notierte Wert dabei auf 11 bis 12, ist das ein nachvollziehbarer Hinweis auf eine verbesserte Ausdauer, auch ohne technische Messung. Steigt der Wert bei gleicher Strecke dagegen an, lohnt sich ein Blick darauf, ob sich in der Zwischenzeit etwas verändert hat, etwa die Medikation, der Schlaf oder eine beginnende Erkältung.

Warum das mehr zeigt als ein einzelner Tag

Ein einzelner Wert sagt wenig, weil Tagesform und äußere Umstände schwanken. Erst der Vergleich über mehrere Wochen zeigt einen Trend. Steigt die empfundene Belastung bei gleicher Aktivität an, ist das ein Hinweis, den man mit der behandelnden Praxis oder dem Nachsorgeprogramm besprechen kann, keine eigene Diagnose. In der ambulanten Rehabilitationsnachsorge, etwa im IRENA-Programm der Deutschen Rentenversicherung, dient das eigene Belastungsempfinden zusätzlich dazu, die Trainingssteuerung zwischen den Terminen realistisch einzuschätzen. Die Übungsleitung kann schließlich nicht jeden Tag dabei sein.

Wie DOKINA die Belastbarkeit nach der Reha im Blick behält

DOKINA soll solche Einschätzungen der Belastbarkeit gemeinsam mit Vitalwerten und dem eigenen Befinden in einem Verlauf führen. So zeigt sich eine Entwicklung über die Zeit, statt sich auf einzelne Tage zu verlassen. Die Lösung ist noch nicht verfügbar. Wie sich das im Alltag nach der Reha konkret anfühlt, schildern die alltäglichen Herausforderungen von Renate Kaiser.

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Häufig gestellte Fragen

Brauche ich für die Borg-Skala ein bestimmtes Gerät?

Nein. Die Borg-Skala ist ein rein subjektives Einschätzungsinstrument, für das kein Gerät nötig ist. Es reicht, sich unmittelbar nach einer Aktivität kurz zu fragen, wie anstrengend sie sich angefühlt hat, und einen Wert zwischen 6 und 20 zu notieren. Als grobe Orientierung gilt: 6 bis 9 steht für sehr leichte Belastung, 12 bis 14 für „etwas anstrengend" und Werte ab 17 für sehr anstrengend bis nahezu maximal. Genau diese Einfachheit macht die Skala auch für den Alltag praktikabel, ohne Zusatzgerät oder App.

Ersetzt die Borg-Skala eine ärztliche Untersuchung?

Nein. Sie ist ein Hilfsmittel zur Selbsteinschätzung im Alltag, das auch in der Physiotherapie und in Bewegungsprogrammen der Rehabilitation eingesetzt wird, um die Trainingsintensität zu steuern, ohne jede Übung technisch zu überwachen. Für eine ärztliche Untersuchung ersetzt sie das nicht. Steigt die empfundene Belastung bei gleichbleibender Aktivität über mehrere Wochen spürbar an, oder fällt eine Aktivität plötzlich deutlich schwerer als zuvor, ist das ein konkreter Anlass, dies mit der behandelnden Praxis oder dem Nachsorgeprogramm zu besprechen.

Warum zeigt die Borg-Skala manchmal etwas anderes als die Herzfrequenz?

Der Borg-Wert lässt sich grob mit der Herzfrequenz in Verbindung bringen: Multipliziert mit 10 ergibt er näherungsweise die Herzfrequenz eines gesunden Erwachsenen mittleren Alters bei dieser Belastung. Nach den Forschungen des Sportphysiologen Per-Olof Åstrand besteht zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Belastung jedoch kein direkter ursächlicher Zusammenhang. Beide Werte können deshalb auseinanderlaufen, etwa bei Tagesform-Schwankungen oder wenn Medikamente die Herzfrequenz beeinflussen. Gerade deshalb ergänzt die Borg-Skala eine Herzfrequenzmessung sinnvoll, statt sie zu ersetzen.